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Glaukom (Grüner Star): was es ist und warum es fast immer spät entdeckt wird

In Europa haben mehr als 12 Millionen Menschen ein Glaukom, und mehr als die Hälfte weiß nichts davon. Was der Grüne Star ist, wer besonders gefährdet ist und was die großen Studien zum Augeninnendruck gezeigt haben.

Von der RedaktionAktualisiert am 10 Min. Lesezeit9 zitierte Studien und QuellenMit KI erstellter Text
Illustration Beim Glaukom wird der Sehnerv geschädigt, vor allem bei erhöhtem Augeninnendruck, und das Gesichtsfeld engt sich vom Rand her ein: Jahrelang bleibt das zentrale Sehen scharf, und Betroffene bemerken nichts.

Das Glaukom, im Volksmund Grüner Star genannt, unterscheidet sich durch eine Eigenschaft von fast allen anderen Augenkrankheiten: Es macht sich jahrelang nicht bemerkbar. Es tut nicht weh, rötet das Auge nicht, lässt die Schrift beim Lesen nicht verschwimmen. Es richtet seinen Schaden an den Rändern des Gesichtsfelds an, wo das Gehirn die Lücken ausgleicht, ohne dass wir es merken – und wenn das zentrale Sehen nachzulassen beginnt, ist der Schaden bereits fortgeschritten.

Deshalb betreffen die eindrücklichsten Zahlen zum Glaukom nicht die Menschen, die erkrankt sind, sondern jene, die nichts davon wissen. Eine Analyse des europäischen Konsortiums für Augenepidemiologie aus dem Jahr 2025, die individuelle Daten von mehr als 55.000 Erwachsenen aus 14 Bevölkerungsstudien zusammengeführt hat, schätzt, dass in Europa rund 12,3 Millionen Menschen ein Glaukom haben und 6,9 Millionen von ihnen nie eine Diagnose erhalten haben1.

Auf einen Blick

  • Das Glaukom ist eine Gruppe von Erkrankungen, die den Sehnerv langsam schädigen; der Schaden lässt sich nicht rückgängig machen.
  • In seiner häufigsten Form verursacht das Glaukom bis in fortgeschrittene Stadien keine Beschwerden: In Europa ist mehr als die Hälfte der Fälle nicht diagnostiziert1.
  • Alter, familiäre Vorbelastung, Kurzsichtigkeit und ein erhöhter Augeninnendruck sind die am besten belegten Risikofaktoren4.
  • Große randomisierte Studien zeigen, dass eine Senkung des Augeninnendrucks die Erkrankung verlangsamt5,6.
  • Eine seltenere Form, der akute Winkelverschluss (Glaukomanfall), ist dagegen ein Notfall: plötzlich gerötetes Auge, Schmerzen, Kopfschmerzen9.
In diesem Artikel
  1. Was ist ein Glaukom?
  2. Wie häufig ist das Glaukom in Europa und weltweit?
  3. Wer besonders gefährdet ist
  4. Was die großen Studien belegt haben
  5. Wie ein Glaukom entdeckt wird
  6. Häufige Fragen
  7. Quellen

Was ist ein Glaukom?

Mit dem Wort Glaukom bezeichnet man eine Gruppe von Erkrankungen, die in dasselbe Ergebnis münden: den fortschreitenden Verlust von Fasern des Sehnervs, jenes Kabels, das die Bilder vom Auge zum Gehirn leitet. Gehen Fasern verloren, entstehen im Gesichtsfeld blinde Bereiche (in der Augenheilkunde heißen sie Skotome), die anfangs am Rand liegen und erst später näher an die Mitte rücken.

Die in Europa häufigste Form ist das primäre Offenwinkelglaukom: Die Flüssigkeit, die den vorderen Teil des Auges versorgt – das Kammerwasser –, fließt schlechter ab als vorgesehen, doch der Abflussweg bleibt offen. Daneben gibt es das Winkelverschlussglaukom, bei dem sich der Abflussweg verengt oder verschließt; es kann sich allmählich entwickeln oder plötzlich auftreten, als akuter Anfall9.

Eines gleich vorweg: Glaukom heißt nicht „zu hoher Augeninnendruck“. Ein erhöhter Augeninnendruck ist der wichtigste Risikofaktor und der einzige, den man heute beeinflussen kann. Es gibt aber Menschen mit hohem Druck, die nie erkranken, und Menschen mit einem Glaukom bei normalem Druck. Die Leitlinien der European Glaucoma Society betonen genau das: Ein Druckwert kann für den einen Menschen passend und für den anderen schädlich sein, und die Behandlung muss individuell auf die jeweilige Person abgestimmt werden8.

Wie häufig ist das Glaukom in Europa und weltweit?

Eine 2014 veröffentlichte Metaanalyse von 50 Bevölkerungsstudien schätzte, dass weltweit 3,5 % der Menschen zwischen 40 und 80 Jahren ein Glaukom haben – im Jahr 2013 rund 64 Millionen Menschen, mit einer Prognose von fast 112 Millionen für 2040 infolge der alternden Bevölkerung2.

Die europäische Studie von 2025 fand bei Erwachsenen über 40 Jahren eine altersstandardisierte Häufigkeit (Prävalenz) von etwa 3 %. Die Wahrscheinlichkeit, ein Glaukom zu haben, steigt mit jeweils fünf Lebensjahren um etwa ein Drittel und ist bei Männern etwas höher; bis 2050 dürfte die Zahl der Fälle in Europa um mehr als eine Million zunehmen1.

Am meisten überrascht aber eine andere Zahl: 56 % der Menschen mit Glaukom, die in diesen Studien gefunden wurden, wussten nichts von ihrer Erkrankung, und unter 55 Jahren lag der Anteil bei über 80 %1. Eine systematische Übersichtsarbeit über 55 Studien aus aller Welt war zum selben Schluss gekommen: In jeder Weltregion war mehr als die Hälfte der Fälle unerkannt geblieben, wobei Europa vergleichsweise besser dastand als Afrika und Asien3.

Wer besonders gefährdet ist

Eine Metaanalyse von 2024 über Studien, die Gruppen von Menschen über längere Zeit begleitet haben, hat die Risikofaktoren für das Offenwinkelglaukom ermittelt, die sich am beständigsten zeigten4:

  • das Alter, der verlässlichste Faktor: Das Risiko steigt Jahr für Jahr;
  • familiäre Vorbelastung: Ein Familienmitglied mit Glaukom geht mit einem etwa zweieinhalbmal so hohen Risiko einher;
  • Kurzsichtigkeit, verbunden mit einem etwa doppelt so hohen Risiko;
  • ein erhöhter Augeninnendruck;
  • männliches Geschlecht, mit einem etwas höheren Risiko.

Die Metaanalyse von 2014 hatte außerdem eine größere Häufigkeit bei Menschen afrikanischer Herkunft und bei Menschen festgestellt, die in Städten leben2. Keiner dieser Faktoren sagt für sich allein voraus, ob jemand erkranken wird: Sie helfen zu erkennen, wer mehr Gründe hat, die Kontrolluntersuchungen nicht zu vernachlässigen. Wenn ein Elternteil, ein Bruder oder eine Schwester von Ihnen ein Glaukom hat, gehört diese Information ins Gespräch mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt.

Was die großen Studien belegt haben

Zwei klinische Studien, beide 2002 veröffentlicht, bilden die Grundlage dafür, wie man heute über das Glaukom denkt.

Die Studie

Early Manifest Glaucoma Trial: sofort behandeln oder abwarten?

Die Studie begleitete im Median 6 Jahre lang 255 Menschen mit einem neu entdeckten Offenwinkelglaukom. Sie wurden per Zufall entweder einer sofortigen drucksenkenden Behandlung oder zunächst keiner Behandlung zugeteilt. Die Therapie senkte den Augeninnendruck im Mittel um 25 %. Die Erkrankung schritt bei 45 % der Behandelten und bei 62 % der Unbehandelten fort, und bei den Behandelten trat die Verschlechterung später ein; der Nutzen zeigte sich sowohl bei Glaukomen mit hohem als auch bei solchen mit normalem Augeninnendruck5.

Die zweite, die Ocular Hypertension Treatment Study, schloss Menschen mit erhöhtem Augeninnendruck, aber ohne Schäden am Sehnerv ein. Nach fünf Jahren war ein Glaukom bei 4,4 % derjenigen aufgetreten, die drucksenkende Augentropfen verwendeten, und bei 9,5 % derjenigen, die nur beobachtet wurden. Das Studienteam selbst betont, dass dieses Ergebnis nicht bedeutet, dass alle Menschen mit grenzwertigem Druck behandelt werden müssen: Die Entscheidung hängt vom individuellen Risiko ab6. Mehr dazu im Artikel über erhöhten Augeninnendruck.

In jüngerer Zeit verglich die britische LiGHT-Studie bei 718 Menschen zwei Wege, die Behandlung zu beginnen: mit Augentropfen oder mit einer Laserbehandlung namens selektive Lasertrabekuloplastik. Nach drei Jahren war die Lebensqualität in beiden Gruppen ähnlich, und etwa drei von vier mit dem Laser Behandelten brauchten keine Augentropfen, um den festgelegten Zieldruck zu halten7. Welcher Weg für eine Person geeignet ist, entscheidet jedoch die Augenärztin oder der Augenarzt.

Wie ein Glaukom entdeckt wird

Gerade weil es keine Beschwerden macht, wird ein Glaukom vor allem dann gefunden, wenn man gezielt danach sucht. Bei der augenärztlichen Untersuchung gibt es drei Kernelemente: die Messung des Augeninnendrucks, die Beurteilung des Sehnervs (am Augenhintergrund, oft mithilfe eines Verfahrens namens OCT) und, wenn nötig, die Prüfung des Gesichtsfelds, die aufzeichnet, in welchen Bereichen man sieht und in welchen nicht8. Wie diese Untersuchungen funktionieren, erklären wir in den Artikeln über die Gesichtsfeldmessung und die OCT.

Der Augeninnendruck allein reicht für die Diagnose nicht aus: Entscheidend ist das Gesamtbild. Auch deshalb hat eine europäische Studie so viele übersehene Fälle gefunden, vor allem bei jüngeren Menschen, die seltener zur Augenärztin oder zum Augenarzt gehen1.

Wann Sie augenärztlichen Rat suchen sollten

  • Wenn es in Ihrer Familie Glaukomfälle gibt, Sie stark kurzsichtig sind oder man Ihnen gesagt hat, Ihr Augeninnendruck sei erhöht: Besprechen Sie mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt, in welchen Abständen Sie sich untersuchen lassen sollten.
  • Wenn Sie den Eindruck haben, seitlich nicht gut zu sehen, und zum Beispiel oft an Dinge stoßen, die von der Seite kommen.
  • Sofort, noch am selben Tag: wenn ein Auge plötzlich rot wird und dazu Schmerzen, Kopfschmerzen und eine erweiterte Pupille auftreten. Das können Zeichen eines akuten Winkelverschlusses sein, der als Notfall erkannt und behandelt werden muss9. Rufen Sie die 112 an oder gehen Sie in die Notaufnahme; weitere Warnzeichen finden Sie auf der Seite über Augennotfälle.

Häufige Fragen

Führt ein Glaukom zur Erblindung?

Es kann dazu führen, wenn es nicht erkannt und ärztlich begleitet wird, und es ist weltweit eine der Hauptursachen für bleibende Erblindung2. Die großen Studien zeigen aber, dass eine Senkung des Augeninnendrucks die Erkrankung verlangsamt5: Für die meisten Menschen, deren Glaukom diagnostiziert und deren Behandlung langfristig begleitet wird, ist es ein realistisches Ziel, ein Leben lang ein brauchbares Sehvermögen zu behalten.

Wenn mein Augeninnendruck normal ist, kann ich ein Glaukom dann ausschließen?

Nein. Es gibt ein Glaukom bei normalem Augeninnendruck (Normaldruckglaukom), und umgekehrt führt ein hoher Druck nicht immer zur Erkrankung6,8. Für eine Diagnose sind auch die Untersuchung des Sehnervs und, falls nötig, die des Gesichtsfelds erforderlich.

Ist der Grüne Star erblich?

Er wird nicht auf einfache Weise vererbt, aber die familiäre Vorbelastung spielt eine Rolle: Ein Glaukom bei nahen Angehörigen geht mit einem etwa zweieinhalbmal so hohen Risiko einher4. Diese Information ist für Ihre Augenärztin oder Ihren Augenarzt hilfreich.

Lässt sich der Schaden durch ein Glaukom rückgängig machen?

Nein: Verlorene Fasern des Sehnervs wachsen nicht nach. Die verfügbaren Behandlungen sollen den Verlust verlangsamen oder aufhalten – deshalb ist es so wichtig, ein Glaukom früh zu bemerken5,8.

Ein Glaukom spürt man nicht, aber man kann es sehen – vorausgesetzt, jemand sucht danach. Auf einem Kontinent, auf dem Millionen Menschen mit der Erkrankung leben, ohne es zu wissen1, kommt die gute Nachricht aus den Studien der vergangenen zwanzig Jahre: Wird sie erkannt und begleitet, lässt sie sich verlangsamen.

Quellen

  1. Stuart KV, de Vries VA, Schuster AK, Yu Y, van der Heide FCT, Delcourt C, et al. Prevalence of Glaucoma in Europe and Projections to 2050: Findings from the European Eye Epidemiology Consortium. Ophthalmology. 2025;132(10):1114-1124. doi:10.1016/j.ophtha.2025.06.002 · PubMed 40499787
  2. Tham YC, Li X, Wong TY, Quigley HA, Aung T, Cheng CY. Global prevalence of glaucoma and projections of glaucoma burden through 2040: a systematic review and meta-analysis. Ophthalmology. 2014;121(11):2081-90. doi:10.1016/j.ophtha.2014.05.013 · PubMed 24974815
  3. Soh Z, Yu M, Betzler BK, Majithia S, Thakur S, Tham YC, et al. The Global Extent of Undetected Glaucoma in Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. Ophthalmology. 2021;128(10):1393-1404. doi:10.1016/j.ophtha.2021.04.009 · PubMed 33865875
  4. Shan S, Wu J, Cao J, Feng Y, Zhou J, Luo Z, et al. Global incidence and risk factors for glaucoma: A systematic review and meta-analysis of prospective studies. J Glob Health. 2024;14:04252. doi:10.7189/jogh.14.04252 · PubMed 39513294 · PMC
  5. Heijl A, Leske MC, Bengtsson B, Hyman L, Bengtsson B, Hussein M, et al. Reduction of intraocular pressure and glaucoma progression: results from the Early Manifest Glaucoma Trial. Arch Ophthalmol. 2002;120(10):1268-79. doi:10.1001/archopht.120.10.1268 · PubMed 12365904
  6. Kass MA, Heuer DK, Higginbotham EJ, Johnson CA, Keltner JL, Miller JP, et al. The Ocular Hypertension Treatment Study: a randomized trial determines that topical ocular hypotensive medication delays or prevents the onset of primary open-angle glaucoma. Arch Ophthalmol. 2002;120(6):701-13; discussion 829-30. doi:10.1001/archopht.120.6.701 · PubMed 12049574
  7. Gazzard G, Konstantakopoulou E, Garway-Heath D, Garg A, Vickerstaff V, Hunter R, et al. Selective laser trabeculoplasty versus eye drops for first-line treatment of ocular hypertension and glaucoma (LiGHT): a multicentre randomised controlled trial. Lancet. 2019;393(10180):1505-1516. doi:10.1016/S0140-6736(18)32213-X · PubMed 30862377 · PMC
  8. European Glaucoma Society Terminology and Guidelines for Glaucoma, 5th Edition. Br J Ophthalmol. 2021;105(Suppl 1):1-169. doi:10.1136/bjophthalmol-2021-egsguidelines · PubMed 34675001
  9. Flores-Sánchez BC, Tatham AJ. Acute angle closure glaucoma. Br J Hosp Med (Lond). 2019;80(12):C174-C179. doi:10.12968/hmed.2019.80.12.C174 · PubMed 31822188

Die Titel der Studien stehen in der Originalsprache der Veröffentlichung. Die hochgestellten Zahlen im Text verweisen auf diese Quellen; die bibliografischen Angaben stammen aus PubMed (National Library of Medicine).

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